Energiewende im Stau: Betreiber von Wind- und Solaranlagen kassieren 435 Millionen Euro Ausgleich

24.03.2026


Deutschland produziert so viel Strom aus erneuerbaren Energien wie nie zuvor – und muss ihn dennoch zunehmend vom Netz nehmen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stammten 2025 bereits 58,6 Prozent des eingespeisten Stroms aus Wind-, Solar- oder Biogasanlagen. Weil das Übertragungs- und Verteilnetz mit dieser Entwicklung nicht Schritt hält, werden Anlagen in Zeiten hoher Einspeisung immer wieder abgeregelt. Allein im vergangenen Jahr flossen dafür knapp 435 Millionen Euro an Entschädigungen an Betreiber von Wind- und Solaranlagen, wie aus einer Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Anfrage des Linken-Bundestagsabgeordneten Dietmar Bartsch hervorgeht.

Die Entschädigungssumme ist damit zwar um rund 120 Millionen Euro niedriger als 2024 und folgt einem seit Jahren rückläufigen Trend. Dennoch bleibt der finanzielle Aufwand erheblich. Besonders betroffen war 2025 das „Solarland“ Bayern mit rund 165 Millionen Euro Ausgleichszahlungen. Dahinter rangieren die Windkraftschwerpunkte Niedersachsen mit 120 Millionen Euro und Schleswig-Holstein mit 54 Millionen Euro. In Ländern wie Hessen, Bremen, dem Saarland, Berlin und Hamburg fielen demnach nur geringe oder gar keine Entschädigungen an – ein Hinweis darauf, wie ungleich die Netzengpässe regional verteilt sind.

Der strukturelle Kern des Problems: Erzeugung und Verbrauch von Strom entfernen sich geografisch immer weiter voneinander. Windstrom aus dem Norden muss zu industriestarken Regionen im Süden transportiert werden, doch das Höchstspannungsnetz ist dafür bislang nicht ausreichend dimensioniert. Laut Bundesnetzagentur besteht ein Ausbaubedarf von rund 16.800 Kilometern an Höchstspannungsleitungen, davon verantwortet die Behörde selbst etwa 9600 Kilometer. Bis 2030 sollen 4140 Kilometer neuer Leitungen in Betrieb gehen. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW warnen jedoch, dass sie mit dem Ausbau kaum hinterherkommen – 50Hertz stellte bereits in Aussicht, dass ab 2029 keine Kapazitäten für weitere Netzanschlüsse zur Verfügung stehen könnten.

Parallel dazu geraten auch die Verteilnetze unter Druck. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft sind sie das Rückgrat der Energiewende, weil rund 95 Prozent aller erneuerbaren Erzeugungsanlagen dort angeschlossen sind. Wetterbedingte Leistungsspitzen aus Fotovoltaik- und Windanlagen führen in diesen Netzen immer häufiger zu Engpässen, die ebenfalls zu Abregelungen zwingen. Die Entschädigungen orientieren sich im Einzelfall am Marktpreis, bezahlt werden sie letztlich über die Stromrechnungen der Kunden. Bartsch spricht angesichts hoher Endkundenpreise und gleichzeitig „weggeschmissenem“ Strom von einer „Absurdität auf dem Rücken der Verbraucher“ und fordert von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche rasche Gegenmaßnahmen. Die Zahlen zeigen: Ohne beschleunigten Netzausbau bleibt der steigende Anteil erneuerbarer Energien ein kostspieliges Balancegeschäft.

Wahlen im Blick: Söder mahnt schnelle Reformen bei Steuern, Energie und Arbeit an

24.03.2026


CSU-Chef Markus Söder erhöht den Druck auf die schwarz-rote Koalition in Berlin und verlangt ein deutlich höheres Reformtempo. Angesichts der geopolitischen Lage und einer veränderten Weltwirtschaft sei die Situation „so ernst wie nie“, sagte der bayerische Ministerpräsident dem Magazin „Stern“. Ursprünglich war in der Koalition von einem Zeitfenster bis zur parlamentarischen Sommerpause die Rede, um zentrale Vorhaben umzusetzen. Aus Söders Sicht ist das zu spät: „Am besten muss alles zwischen Ostern und Pfingsten passieren“, fordert er und spricht von einer politischen „Crunch Time“.

Inhaltlich dringt Söder auf ein umfassendes Reformpaket, das Steuer- und Abgabenlast, hohe Energiekosten, mehr Flexibilität in der Arbeitswelt, Hightech-Förderung und Entbürokratisierung zusammenführt. Er wirbt für eine „Agenda 2010 Reloaded“ mit einer neuen Balance zwischen Standortstärkung und sozialer Absicherung. Die Koalition müsse dafür ideologische Gräben überwinden: „Jetzt müssen alle raus aus ihren ideologischen Elfenbeintürmen. Es gibt keine Ausreden mehr“, so der CSU-Chef.

Besonders scharf positioniert sich Söder in der Steuerpolitik. Eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes lehnt er kategorisch ab; dies wäre nach seinen Worten ein „Schlag ins Gesicht für die Leistungsträger im Mittelstand“. Stattdessen setzt er auf Steuersenkungen, um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu stärken. Finanziert werden sollen diese nach Söders Vorstellungen durch Einsparungen im Bundeshaushalt – unter anderem bei Jugend- und Eingliederungshilfen, bei Bürgergeldkosten für EU-Ausländer sowie durch Kürzungen der Förderung für E-Autos und sogenannten grünen Stahl.

Der Zeitdruck ergibt sich aus Sicht des CSU-Chefs auch aus dem Kalender: Nach der politischen Sommerpause stehen Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sowie die Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin an. Söder rechnet mit aggressiven Wahlkämpfen und fordert, die Koalition müsse bis dahin ein schlüssiges Reformpaket vorlegen, um Wählerinnen und Wähler zu überzeugen und politische Stabilität zu sichern. Während SPD-Chef Lars Klingbeil höhere Belastungen für Spitzenverdiener ins Spiel bringt, stellt sich Söder klar dagegen – und macht Binnenkonsens in der Koalition damit zur offenen Baustelle.